Liebesgeschichten auf dem Friedhof

 

Manchmal braucht es keine Worte. Ein Blick, eine Bewegung – sie sagen uns so viel. So geht es mir, als ich die Skulptur einer Frau auf dem Nordfriedhof in Düsseldorf sah. Ihr Gesicht drückt Trauer aus. Aber da ist noch ihre linke Hand, mit ihre berührt sie die Stelle, an der sich ihr Herz befindet. Es tut so weh, sagt mir diese Frau.

Zusammen Sein – Zeit anhalten

Von solchen Skulpturen, die tiefe Gefühle vermitteln, gibt es hier auf dem Nordfriedhof einige. Es ist ein ganz besonderer Ort. Vor allem ein sehr alter Ort. Die Anfänge des Friedhofs gehen auf das Jahr 1884 zurück.

 

Ich gehe entlang wunderschöner Wege, gesäumt von hohen Bäumen. Hier treffen sich nicht nur Leben und Tod. Sondern auch all die Gefühle, die zum Leben dazugehören. Und das zeigt vor allem die Skulptur eines Paares.

Die Frau beugt sich hinunter um den Mann festzuhalten. Denn er ist dabei herabzugleiten. Eng umschlungen stehen sie da. Als ich näher an die Skulptur herantrete sehe ich, dass die Frau den Mann auf die Stirn küsst. Sie gehören zu einem Familiengrab aus dem späten 19. Jahrhundert. Sind es Mutter und Sohn, Mann und Frau? Vor allem sind es zwei, die sich sehr lieben, und die sich nicht loslassen möchten. Bleib bei mir, halt mich – das scheinen sie mit ihren Gesten zu sagen.

Loslassen – Eigene Wege gehen

So geht es auch dem nächsten Paar. An einer Weggabelung stehen sie und das passt sehr gut. Denn die Frau ist nach rechts gewandt. Sie blickt aber zurück und da ist er. Er hat seine eine Hand auf ihre Schulter gelegt und hält mit der anderen Hand ihre Hand. Doppelt versucht er sie zum Bleiben zu bewegen.

Aber wir spüren, sie muss gehen. Ist es, weil der Tod sie ruft? Es ist eine Trennung, sie gehen getrennte Wege. Warum auch immer. Und das ist es, was mir hier so gut gefällt. Die Skulpturen gehören zu einem Friedhof, aber sie handeln nicht vorrangig vom Tod. Sondern eher vom Leben und von dem, was für uns das Wichtigste im Leben ist – von der Liebe.

Von verschiedenen Phasen der Liebe. Da ist das Erinnern, das Gefühl, dass der andere im Herzen bleibt. Und wenn man ihn denkt, dann tut es weh. Manchmal sehr sogar. Und irgendwann, ja, da schafft man es sicher, auch glücklich zu sein. Mit den Erinnerungen.

Und dann sind da das Zusammensein und der Wunsch, die Zeit soll stehenbleiben. Man klammert sich aneinander, möchte für immer zusammen sein. Weil man sich liebt und nicht möchte, dass der andere, an einen anderen Ort gehen muss.

Mit Gesten, Blicken, erzählen uns diese Skulpturen ihre Liebesgeschichten. Das Sonnenlicht spielt auf ihnen. Hinterlässt Lichtblicke auf den Stein- und Bronzeskulpturen. Genau wie die Liebe auch unser Leben aufhellt. Für immer.

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